Verantwortungsvoller Umgang mit Antibiotika in kleinen und ländlichen Krankenhäusern

Lesedauer von 5 Min.

14. November 2025

VERANTWORTUNGSVOLLER UMGANG MIT ANTIBIOTIKA

Artikel

Den verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika in kleinen und ländlichen Krankenhäusern voranbringen

Ein Interview mit Kyle Johnicker, PharmD

Kyle Johnicker, PharmD, Klinischer Koordinator für Pharmazie am Northwestern Medicine Kishwaukee Hospital in DeKalb, Illinois.

Kyle Johnicker, PharmD.

Seit seinem Abschluss im Jahr 2006 als Doktor der Pharmazie an der Butler University im Jahr hat Dr. Kyle Johnicker Programme zum verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika in drei kommunalen Krankenhäusern geleitet. Er verbindet praktische Apothekenarbeit mit politischer Arbeit auf Systemebene. Wir wollten seine persönliche Meinung dazu hören, warum die Schließung kleiner Krankenhäuser die Wirksamkeit von Antibiotika gefährdet, wie begrenzte Diagnosemöglichkeiten und Personalmangel den übermäßigen Einsatz von Breitbandantibiotika begünstigen und welche konkreten Schritte – auch wenn sie noch so klein sind – diesen Trend umkehren können. Das folgende Gespräch beleuchtet die Herausforderungen, die Erfolge und die politischen Hebel, die seiner Meinung nach dazu beitragen könnten, ländliche Krankenhäuser vor der Schließung zu bewahren und gleichzeitig Patient/innen vor zunehmender Resistenz zu schützen.

Kleine und ländliche Krankenhäuser schließen in einem Tempo, das die Ärzt/innen in diesen Gemeinden alarmiert. „Aktuell ist es sehr schwer, kleine ländliche Krankenhäuser offen zu halten“, sagte Apotheker Kyle Johnicker, PharmD, klinischer Koordinator für Pharmazie am Northwestern Medicine Kishwaukee Hospital in DeKalb, Illinois, und wies dabei auf die stetige Zunahme von Schließungen in den letzten zehn Jahren hin. Eine Analyse der gemeinnützigen Organisation für Gesundheitsaufklärung KFF von 2025 ergab, dass von 2017 bis 2024 in ländlichen Gebieten mehr Krankenhäuser geschlossen als eröffnet wurden und viele ländliche Krankenhäuser im Laufe der Zeit bestimmte Leistungsbereiche eingestellt haben.1

Wenn ein Krankenhaus schließt, müssen Patient/innen weitere Wege zurücklegen, um sich behandeln zu lassen, größere Einrichtungen leiden unter Bettenknappheit und – was besonders kritisch ist – lokale Bemühungen zur Eindämmung von Antibiotika-Resistenzen verlieren ihre erste Verteidigungslinie.2.3 „Wenn kleine und ländliche Krankenhäuser nicht das gleiche Maß an verantwortungsvollem Umgang mit Antibiotika an den Tag legen, werden lokale Gemeinschaften eine erhöhte Resistenz feststellen, was die Möglichkeiten für zukünftige Behandlungen schmälert. Und der Schneeball-Effekt tritt ein“, fügte er hinzu.

Hindernisse, die überwunden werden müssen: Diagnostik und Mangel an Spezialisierung 

Auf die Frage, welche Herausforderungen er für den verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika in Krankenhäusern wie seinem sieht, begann Johnicker mit der Diagnostik: Neue eigene Geräte sind teuer, doch die Zusammenarbeit mit Referenzlaboren vergrößert den Zeitaufwand in jeder Phase – Probenentnahme, Abholung durch den Kurierdienst, Transport, Untersuchung und schließlich die 10.000 $ schwere Schnittstelle, die viele Krankenhäuser einrichten müssen, um die Ergebnisse zwischen dem Referenzlabor und dem elektronischen Gesundheitsakten-System auszutauschen, wenn sie nicht auf Faxe warten wollen. Bis diese Ergebnisse vorliegen, tendieren viele Ärzt/innen dazu, unnötig breite Antibiotika länger als nötig zu einzusetzen“, sagte er und beschrieb damit eine Kultur der defensiven Verschreibung oder eine „Hau-drauf-Mentalität“.

Er merkte auch an, dass nur wenige ländliche Einrichtungen täglich ein Beratungsteam für Infektionskrankheiten zur Verfügung stellen können.4 Die Verantwortung liegt daher bei Hausärzt/innen, Krankenhausärzt/innen und Apotheker/innen, die viele Aufgaben gleichzeitig bewältigen müssen. Behandlungsrichtlinien ändern sich schnell. Beispielsweise heilen Lungenentzündungen, die früher zehn Tage lang behandelt wurden, bei geeigneten Patienten heute sicher in drei bis fünf Tagen aus – und es kann entmutigend sein, mit diesen Veränderungen Schritt zu halten.

Systemunterstützung und Zugang für alle

Da sein Krankenhaus zum größeren Northwestern Medicine-System gehört, hat Johnicker Zugang zu Protokollen akademischer Zentren, die er an seinen kleineren Standort anpassen kann. Anderen Leser/innen empfahl er jedoch die öffentlich zugängliche Website des Antimicrobial Diagnostic Stewardship Program, auf der die Northwestern University Leitlinien und Instrumente zur Patientenaufklärung veröffentlicht, die jeder nutzen kann.  

„Wir möchten, dass jeder Zugang zu den besten Praktiken für den verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika hat, die es gibt“, sagte er.

Johnicker betonte die entscheidende Rolle der Apotheker/innen und merkte an, dass die Umsetzung von Protokollen wie denen der Northwestern manchmal bedeutet, dass Apotheker/innen „einspringen und die Lücke füllen“ müssen, indem sie Bestellungen doppelt überprüfen oder verschreibende Ärzt/innen in Echtzeit coachen.

Eine Fallstudie zur Therapie von Harnwegsinfekten

Ein Beispiel dafür, welchen Einfluss Apotheker/innen in einem kleinen ländlichen Krankenhaus in der Praxis haben können, ist die dramatische Wende in der empirischen Behandlung von Harnwegsinfektionen an Johnickers Standort.  

Anfang 2022 wurden fast 80 Prozent der unkomplizierten Harnwegsentzündungen anfänglich mit Breitband-Cephalosporinen der dritten Generation behandelt. Nach Auswertung lokaler Antibiogramm-Daten zeigte Johnickers Team den verschreibenden Ärzt/innen, dass Wirkstoffe der ersten Generation die gleiche bakterielle Abdeckung bei geringeren Nebenwirkungen bieten.

Apotheker/innen begannen damit, Bestellungen in Echtzeit zu überprüfen, Kulturen gegenzuprüfen und das Schmalspektrumantibiotikum zu empfehlen. Innerhalb weniger Monate machten Cephalosporine der ersten Generation etwa drei Viertel der Erstbehandlungen aus. Diese Umstellung hält das Team seit mehr als zwei Jahren aufrecht.

Die Vorteile waren weitreichend. Ärzt/innen schätzten den evidenzbasierten Ansatz, Patient/innen profitierten von weniger Breitbandantibiotika-Behandlungen und Krankenhausleiter/innen konnten eine Verbesserung bei einer landesweit gemeldeten Qualitätskennzahl feststellen – den im Krankenhaus erworbenen Infektionen mit Clostridioides difficile –, die auch Auswirkungen auf die Kostenerstattung hat. Durch die Abstimmung zwischen Patientensicherheit, regulatorischer Leistung und umsichtigem Einsatz von Ressourcen zeigte das Projekt, wie selbst eine kleine Protokolländerung dauerhafte Vorteile für ländliche Krankenhäuser und die von ihnen versorgten Gemeinden bringen kann.

Verantwortung über das Krankenhaus hinaus 

Ländliche Gesundheitssysteme betreiben häufig Ambulanzen und Notfallstationen, in denen die unnötige Gabe von Antibiotika bei viralen Atemwegserkrankungen nach wie vor weit verbreitet sind.5

„Sechzig Prozent aller verabreichten Antibiotika sind unnötig, weil wir virale Atemwegsinfektionen behandeln“, sagte Johnicker und merkte an, dass Apotheker/innen in öffentlichen Apotheken, obwohl sie oft überlastet sind, oftmals Einfluss nehmen können, indem sie eingreifen, bevor ein Rezept Patient/innen ausgehändigt wird.

Der politische Hebel: Apotheker/innen als Anbieter anerkennen

Johnicker glaubt, dass der Status als nationaler Anbieter für Apotheker/innen den Fortschritt im Bereich des verantwortungsbewussten Umgangs mit Antibiotika beschleunigen könnte. Die meisten Aufgaben im Zusammenhang mit dem verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika, so wie die Beratung zur Dosierung, die Überprüfung von Kulturen, Follow-ups, sind derzeit nicht abrechnungsfähig. Wenn Apotheker/innen Leistungen wie andere Berater/innen abrechnen könnten, würden ländliche Krankenhäuser eine neue Einnahmequelle erschließen, die ihnen buchstäblich den Fortbestand sichern könnte, argumentierte Johnicker. 

Die Stärke der Gemeinschaft

Systemressourcen helfen, aber Peer-Netzwerke sind genauso wichtig. Kleine Krankenhäuser, sagte Johnicker, „sind alle in einer ähnlichen Situation“, und Apotheker/innen teilen bereitwillig Protokolle und hart erkämpfte Erkenntnisse, ohne etwas im Gegenzug zu erwarten. 

„Ich denke, die Antwort liegt in der Gemeinschaft – man muss sich engagieren, vernetzen und diese Gespräche führen“, ermutigte er.

„Es ist nie zu spät für den ersten Schritt“ 

Für Personen in leitenden Positionen, die mit umfangreichen empirischen Behandlungsplänen und begrenztem Personal zu kämpfen haben, findet Johnicker ermutigende Worte: Machen Sie einfach den ersten Schritt. 

Ob dieser erste Schritt nun darin besteht, ein einzelnes chirurgisches Prophylaxe-Verordnungsset zu straffen oder einen Kollegen im nächsten ländlichen Krankenhaus anzurufen – jede Verbesserung verlangsamt die Ausbreitung der Resistenzen und trägt letztendlich dazu bei, die medizinische Versorgung in ländlichen Gebieten aufrechtzuerhalten.

„Es ist nie zu spät für den ersten Schritt und sei er noch so klein, er führt in die richtige Richtung“, sagte er.

Referenzen:

1. Hulver, S., Levinson, Z., Godwin, J., & Neuman, T. (16. April 2025). 10 Things to Know About Rural Hospitals. KFF. https://www.kff.org/health-costs/10-things-to-know-about-rural-hospitals/

2. U.S. Government Accountability Office. (16. Mai 2023). Why health care is harder to access in rural America. https://www.gao.gov/blog/why-health-care-harder-access-rural-america[1](https://www.gao.gov/blog/why-health-care-harder-access-rural-america)

3. Centers for Disease Control and Prevention. (4. Februar 2025). Antimicrobial resistance facts and stats. https://www.cdc.gov/antimicrobial-resistance/data-research/facts-stats/index.html[2](https://www.cdc.gov/antimicrobial-resistance/data-research/facts-stats/index.html)

4. U.S. Government Accountability Office. (2. Mai 2024). Public-health workforce shortage undermines ability to respond to outbreaks and other emergencies. Center for Infectious Disease Research and Policy (CIDRAP). https://www.cidrap.umn.edu/public-health/gao-public-health-workforce-shortage-undermines-ability-respond-outbreaks-other[1](https://www.cidrap.umn.edu/public-health/gao-public-health-workforce-shortage-undermines-ability-respond-outbreaks-other)

5. Centers for Disease Control and Prevention. (12. April 2024). Core elements of antibiotic stewardship. U.S. Department of Health & Human Services. https://www.cdc.gov/antibiotic-use/hcp/core-elements/index.html[1](https://www.cdc.gov/antibiotic-use/hcp/core-elements/index.html)

Die hierin zum Ausdruck gebrachten Ansichten, Meinungen und/oder Daten spiegeln die Erfahrung des Interviewpartners und nicht zwingend die Position von Cepheid wider.

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